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Gurs, eine eigenartige Silbe.
Wie ein Schluchzen, das die Kehle zurückhält

Louis Aragon, 1943

Das Lager Gurs

Mindestens 500 Menschen aus dem Saarland waren in Gurs interniert. Die Internetseite „gurs.saarland“  stellt einige der dort internierten Menschen und den Alltag im Lager aus unterschiedlichen Blickwinkeln vor. Darüber hinaus stellt sie ab Februar 2021 ein durchsuchbares Verzeichnis aller bislang wissenschaftlich ermittelten  Gurs-Internierten aus dem Saarland zur Verfügung. Die Internetseite soll Ausgangspunkt für weitere Aktivitäten und Angebote der Akteur*innen der Erinnerungsarbeit im Saarland sein.

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Am Rand der Pyrenäen

Das Lager Gurs am Rand der Pyrenäen entstand im April 1939 als Auffanglager für nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs nach Frankreich geflohene Angehörige der Republikanischen Garden. Nach dem Eintritt Frankreichs in den Zweiten Weltkrieg am 3. September 1939 war es Internierungslager für „feindliche Ausländer“. Im Oktober 1940 wurden 6.500 Jüd*innen aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Gurs verschleppt. 1942 und 1943 war es Sammel- und Durchgangslager für zuvor in der unbesetzten Zone Frankreichs verhaftete Jüd*innen, die von dort in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor verschleppt wurden. 1944 war es Internierungslager für Sinti und Roma. 1945 war es Lager für Kriegsgefangene und Kollaborateur*innen. Insgesamt waren rund 61.000 Menschen zwischen 1939 und 1945 auf 24 Hektar Fläche in 382 Holzbaracken eingepfercht. 1.200 Menschen ließen dort ihr Leben.

Die „Wagner-Bürckel-Aktion“

Die 134 meist älteren Menschen, die am 22. Oktober 1940 aus dem Saarland deportiert wurden, waren Opfer der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“. Sie ist benannt nach Josef Bürckel, dem Gauleiter Saarpfalz, und Robert Wagner, dem Gauleiter von Baden. Ihr Ziel war es, die in ihrem Machtbereich verbliebenen Jüd*innen zu vertreiben und über die Grenze nach Frankreich abzuschieben. Die jüngste Deportierte aus dem Saarland war die zweijährige Mathel Salmon aus Homburg, der älteste Deportierte der 88-jährige Josef Kahn aus Brotdorf. Von den 134 Deportierten starben 30 Menschen in Gurs oder in Nachbarlagern. 74 Menschen wurden in Auschwitz ermordet, wohin sie im August 1942 verbracht wurden. 30 Menschen überlebten.

Die Geschichte des Lagers Gurs ist ein elementarer Bestandteil der Geschichte des NS-Regimes an der Saar.

Grußwort der Ministerin für Bildung und Kultur, Christine Streichert-Clivot

 

Das französische Dorf Gurs und das Saarland trennen rund 1.000 Kilometer. Die Reise zu diesem entlegenen Ort, am Rand der Pyrenäen nahe der Grenze zu Spanien, dauert auch heute noch mit dem Bus, dem Auto oder der Bahn fast einen ganzen Tag. Dennoch ist das weit entfernte Gurs ein zentraler Orientierungspunkt für die Erinnerungsarbeit im Saarland – insbesondere für Städte und Gemeinden wie zum Beispiel Saarwellingen, Homburg, Merzig, Saarbrücken, St. Wendel, Illingen, Merchweiler oder Tholey. Denn es waren diese saarländischen Orte, aus denen am 22. Oktober 1940 insgesamt 134 Frauen, Männer und Kinder im Alter zwischen zwei und 88 Jahren verschleppt wurden. Es waren Menschen, deren Familien seit Generationen an der Saar gelebt hatten. 

Den verbrecherischen und menschenverachtenden Plan dazu hatten der Gauleiter Saarpfalz, Josef Bürckel, und der Gauleiter Baden, Robert Wagner, gefasst. Sie verfolgten das Ziel, alle Jüdinnen und Juden aus ihrem Machtbereich zu vertreiben. Insgesamt wurden am 22. Oktober 1940 im Rahmen der sogenannten „Wagner-Bürckel-Aktion“ 6.504 Menschen aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Gurs deportiert. 

Das Lager Gurs war eine Falle, aus der es für die jüdischen Internierten kaum ein Entkommen gab. Gurs war aber nicht nur Schicksalsort für viele Jüdinnen und Juden. 1939 war es Auffanglager für nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs nach Frankreich geflohene Angehörige der Republikanischen Garden. 1944 war es Internierungslager für Sinti und Roma. 

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Mindestens 500 Menschen aus dem Saarland waren in Gurs interniert. Deren Schicksale berichten von Emigration und Deportation, vom Leben und Überleben, aber auch vom Tod. Und deshalb gilt: So groß die Entfernung zwischen dem Saarland und dem Dorf Gurs auch sein mag. Die Geschichte des Lagers Gurs ist ein elementarer Bestandteil der Geschichte des NS-Regimes an der Saar. Aus diesem Grund ist es die Aufgabe saarländischer Erinnerungsarbeit, ausführlich über die Deportationen, den Alltag der Internierten und jedes einzelne menschliche Schicksal zu informieren.  

Die Internetseite gurs.saarland  widmet sich dieser Aufgabe. Sie beschreibt nicht nur das Leben im Lager aus unterschiedlichen Gesichtspunkten. Anhand ausgewählter Biografien schildert sie, wie Kinder, Familien und ältere Menschen aus dem Saarland dem Lager Gurs entkamen, dort verstarben oder nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Die Internetseite versteht sich als Lern- und Informationsangebot für eigenständiges, forschendes Lernen für Schülerinnen und Schüler, Studierende sowie für  Akteurinnen und Akteure der Zivilgesellschaft, die in Initiativen, Vereinen oder als Einzelpersonen sich mit dem Thema beschäftigen wollen.

Darüber hinaus bietet gurs.saarland ab Februar 2021 ein Verzeichnis aller bislang ermittelten Gurs-Internierten aus dem Saarland. Die Entscheidung, diese Daten digital zu veröffentlichen, bietet zum einen die Möglichkeit, die räumliche Distanz zur weit entfernten Gedenkstätte in Gurs zu überwinden. Zum anderen bietet sie die notwendige Flexibilität, um inhaltliche Ergänzungen und künftige neue Forschungsergebnisse schnell und nachhaltig in die vorhandenen Materialien einzuarbeiten. 

Mein Dank gilt dem Historiker und Gurs-Experten Roland Paul, der im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung  des Saarlandes die im Departementsarchiv in Pau aufbewahrte Interniertendatei hinsichtlich der in Gurs internierten Saarländerinnen und Saarländer wissenschaftlich ausgewertet hat.  Mein Dank gilt auch dem Historiker und Studienrat Max Hewer, der seine Recherchen zu den in Gurs internierten Spanienkämpfern aus dem Saarland dem Projekt kollegial zur Verfügung gestellt hat.

Nicht zuletzt danke ich der Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes für die Koordination des Gesamtprojektes sowie den Aufbau der Internetseite und der Datenbank.

Christine Streichert-Clivot
Ministerin für Bildung und Kultur des Saarlandes

Historiker*innen und Zivilgesellschaft

Historiker*innen haben viel zur Geschichte des Lagers Gurs geforscht, und Akteur*innen und Institutionen der Zivilgesellschaft erinnern auf vielfältige Weise an die Schicksale der Opfer. Diese wichtigen Arbeiten sind Grundlage für diese Internetseite und Ausgangspunkt für die weiterführenden umfassenden Archivrecherchen des Gurs-Experten Roland Paul im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung des Saarlandes, deren Ergebnisse zusammen mit den Forschungsergebnissen des saarländischen Historikers Max Hewer zu den saarländischen Spanienkämpfer*innen in das Interniertenverzeichnis einfließen werden.